Zuletzt haben wir ihn besoffen mit der Schubkarre vom Lauseplatz nach Hause in die Luckauer gefahren. Micha [1] hatte den Met fürs Maifest am Platz selbst gebraut und war völlig von der Güte seiner Arbeit überzeugt.
Vielleicht wollte er auch den Schmerz über zwei volle Paletten der Faksimile-Ausgabe von Arno Schmidts Hauptwerk vergessen, die in seinem Kreuzberger Keller verschimmelten. Micha und seine Freunde hatten als fröhliche Raubdrucker jahrelang die Studentenkneipen Westberlins mit ihren „Neuausgaben“ unsicher gemacht, gut verdient und gut getrunken. Mit TSS zusammen hatten sie Platten eingespielt, gefickt, gesungen, gesoffen, demonstriert und viele, viele Revolutionen vorbereitet.

Dann hatten sie die Idee, mit der Kunst und Expropriation zusammenfinden sollten. Der große Arno Schmidt hatte eine Neuausgabe verdient, ob er wollte oder nicht. Kreuzberg hatte sie verdient, die Kneipenbesucher hatten sie verdient. Micha & Freunde wollten noch einmal richtig Kasse machen.
Sie gönnten sich gemeinsam die Krönung der Existenz als Raubdrucker. Zettel’s Traum in so gut wie voller Größe, ein tolles Buch entledigt der Fesseln des immateriellen Privateigentums, die Revolution als Buch vorweggenommen, das wars, was Micha und Freunde aus immer gleicher Raubdruckroutine befreien würde.
Essig war. Kein Schwein wollte Geld für den Quatsch bezahlen. Der elitäre Original-Schmidt verfing schon nicht bei den pragmatischen Biertrinkern. Dem revolutionsseligen Raubdrucker-Schmidt ging es nicht besser. Dumm gelaufen. Dann kam Reagan nicht nach Kreuzberg, dann wurde der antifaschistische Schutzwall abgeräumt, und dann ...
Die Fortsetzung der Geschichte kennt die Welt aus Wikipedia, der ultimativen Raubdrucker-Enzyklopädie : Niemand braucht heute noch ein amtliches Konversationslexikon. Brockhaus, Meyer, Herders Conversations-Lexikon sind tot, geplündert von der verführten „Crowd“ , vergessen und ersetzt durch Gehirnprothesen, „freie“ Internet-Lexika, Siri, Claude und Denkassistenten allerorten.
Sagt nicht, dass Bettler nicht arbeiten.
Beim Bettlerverlag im Aufbau ersetzten uns mehrere KIs die vielen Hände, die wir brauchen aber noch nicht bezahlen können. Die elende Tipperei beim Transkribieren, Versand, Buchhaltung und Steuererklärung sind gut genug für Hilfshirne. An echte Werke lassen wir nur Menschen ran. Unser Publikum besteht nicht aus Robotern. Unsere Autorinnen erzählen Menschen von Freiheit, von der Befreiung aus dem Dasein als Rädchen im Getriebe, von der Menschwerdung der Arbeitskraft.
Zettel’s Traum – Editionsgeschichte
Zettel’s Traum erschien 1970 in einer auf 2000 Bände limitierten, signierten Auflage im DIN-A3-Format im Stahlberg Verlag zu einem Preis von 345 DM. Das Buch stieß auf so starkes Interesse, dass die sehr teure Erstausgabe nach wenigen Monaten vergriffen war.
Ein Berliner Kollektiv von Raubdruckern fertigte – sehr zum Ärger des Autors – im Herbst 1970 einen Raubdruck in reduzierter Größe. Arno Schmidt sah sich in seiner prekären Existenz bedroht, da sein Verleger nicht noch einmal das Wagnis einer weiteren Typoskript-Ausgabe eingehen wollte, wenn mit fortgesetztem Raubdruck zu rechnen sei.
Bis 2010 war Zettel’s Traum nur in verschieden skalierten Faksimile-Ausgaben des Original-Typoskripts verfügbar. Im Jahr 2002 wurde vom S. Fischer Verlag eine Leseausgabe verlegt, die beinahe an die Originaldimensionen des Werkes herankam.
(Zitat aus Wikipedia)
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